Nantong, China | Vom Leben mit einer chinesischen Gastfamilie

Gekochter Salat und schwarzes Toastbrot zum Frühstück… So begannen die Morgende mit meiner chinesischen Gastfamilie. Aber wer glaubt, dass ich meine Zeit dort auf’s Essen reduziere, wird in diesem Bericht eines Besseren belehrt!

Verena wandert: 

Dass ich vor einigen Jahren zwei Wochen in China verbringen durfte – eine Woche davon in einer Gastfamilie, eine Woche auf Rundreise –, verdanke ich im Grunde einem Zufall. Denn in diesem Jahr begann mein Gymnasium einen Austausch mit der Nantong No.1 Middle School. Dazu sollten im Februar die chinesischen Schüler und Schülerinnen unser Gymnasium in der Nähe von Düsseldorf besuchen; der Gegenbesuch war für Oktober vorgesehen. Kurz vor der Anreise im Februar wurde für eine chinesische Schülerin noch eine Gastfamilie gesucht und als ich meinen Eltern vorschlug, sie bei uns aufzunehmen, stimmten sie zu. Kurz darauf war auch verabredet, dass ich im Gegenzug nach China reisen durfte.

Huānyíng! – Herzlich willkommen!

Als wir dann im Oktober in Shanghai landeten, war ich gleichermaßen gespannt und verunsichert, weil ich keine Ahnung hatte, was mich während meiner Woche in der Gastfamilie erwartete. Nantong, die Stadt, in der sich unsere Partnerschule befand, gilt trotz ihrer knapp 8 Millionen Einwohner in China nicht als übermäßig große Stadt. Für mich war die Busfahrt von Shanghai nach Nantong sowie die Ankunft in der Schule trotzdem eine Reizüberflutung der besonderen Art: Es war groß, es war voll und es war laut – an der Stelle, an der sich in Bussen normalerweise eine Bremse befindet, schien es in unserem Bus nur eine Hupe zu geben. Unser Empfang in der Schule verlief jedoch mehr als herzlich und man merkte, wie viel Mühe sich alle gegeben hatten, einen guten ersten Eindruck abzuliefern.

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Nach der Begrüßung kamen dann unsere Austauschpartner*innen auf uns zu – ich war nur froh, dass ich meine Partnerin Christy bereits kannte und wir in Deutschland Zeit zusammen verbracht hatten! Sie stellte mich ihrer Familie vor, die mich ebenfalls überaus gastfreundlich aufnahm. Zusammen fuhren wir in ein nahe gelegenes Restaurant, das auf mich einen sehr vornehmen Eindruck machte. Dort gab es keine Speisekarten der üblichen Form – stattdessen waren auf einem Buffet „Musterteller“ ausgestellt und ich sollte auf die Dinge zeigen, die mir ansprechend erschienen. Daraufhin wurde genau dieses Gericht frisch zubereitet und an unseren Tisch gebracht. Die Familie sorgte dafür, dass ich nach der langen Reise mehr als genug zu essen bekam. Anschließend fuhren wir in die Wohnung der Familie, die in einem riesigen Hochhaus in einer der obersten Etagen gelegen war – ich erinnere mich noch genau, wie mein Gastvater, kaum größer als ich, darauf bestand, meinen (ziemlich schweren) Koffer die Treppen für mich hoch zu tragen. In der Wohnung lebten außer den dreien noch die Großeltern; trotzdem stellten sie mir ein eigenes Zimmer zur Verfügung.

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Mein Zimmer

Der nächste Tag begann, wie bereits kurz angerissen, mit einem etwas ungewöhnlichen, aber dennoch leckeren Frühstück: Es gab vor allem gekochtes Gemüse, darunter auch (noch warmen) Salat und etwas, das an Zuckerschoten erinnerte. Da die Familie wusste, dass ich Vegetarierin bin, gaben sie sich extra Mühe, mir mit dem Gemüse etwas anzubieten, das ich gerne esse. Obwohl mir ein derartiges Frühstück neu war, fand ich Gefallen daran. An einem der nächsten Tage durfte ich mir im Supermarkt dann auch selbst Dinge aussuchen, darunter Toastbrot, das erstaunlicherweise schwarz war; nur nach Nutella fragte ich vergeblich.

Die etwas andere Schule

In der Schule wurden wir mit einer großen Parade begrüßt, die uns ziemlichen Respekt vor der dort vorherrschenden Disziplin einflößte. Anschließend durften wir, aufgeteilt in Gruppen, den Unterricht besuchen, den unser*e Partner*in hatte, was in meinem Falle Englisch war. Zugegeben: Der Unterricht war für uns alle doch eine ziemliche Umstellung, da in Deutschland vorherrschende didaktische Prinzipien dort so gut wie gar nicht berücksichtigt wurden – der Unterricht lief größtenteils frontal ab, die Lehrperson dirigierte und die Schüler und Schülerinnen gehorchten. Ich war nicht sonderlich neidisch auf das System, aber es war spannend, es als Außenstehende mitzuerleben.

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Wo wir gerade beim Thema Fremdsprachen sind: Die Kommunikation war während der Zeit in der Gastfamilie nicht immer einfach, da meine Gasteltern kein einziges Wort Englisch sprachen. Christy, die die Sprache recht gut beherrschte, musste immer als Mittlerin fungieren und befragte regelmäßig selbst ihren Übersetzer, dessen Form mich an meinen alten Gameboy erinnerte. Auch in den Unterrichtsstunden, die wir besuchten und die zum Teil auf Gespräche zwischen den Deutschen und den Chinesen ausgelegt waren, gab es häufig Missverständnisse. Trotzdem bemühten sich alle sehr und es wurde wieder einmal deutlich, dass Hände und Füße oft verständlicher als Worte sein können.

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Doch wir durften nicht nur an regulären Unterrichtseinheiten teilnehmen; wir erlebten auch eine Art Tai-Chi-Sportkurs und aßen in der Schule zu Mittag. In den Pausen erkundeten wir das riesige Schulgelände und machten Abstecher zum nahe gelegenen Schreibwarenladen, was ein Abenteuer für sich war, wenn man die lebhaften Straßen der Stadt kennt.

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Die Mensa, noch leer

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In der Woche, in der wir die Schule besuchten, herrschte dort eine Art Ausnahmezustand. Ohne übertreiben zu wollen: Der Besuch unserer Gruppe war eine kleine Sensation. Ich weiß nicht, ob nach Nantong so wenige europäische Touristen kommen, dass die Schüler und Schülerinnen so sehr von uns beeindruckt waren. Jedenfalls wurden wir überall, wo wir auf dem Schulgelände waren, begeistert beobachtet. Auf dem Sportplatz wurden wir sogar regelmäßig darum gebeten, uns mit chinesischen Schülern und Schülerinnen fotografieren zu lassen; auch wurden wir ständig nach unserer Telefonnummer oder Emailadresse gefragt. Es war einfach ein verrücktes Gefühl, aber wir fanden den Trubel um uns ziemlich lustig und genossen die doch sehr ungewöhnliche Zeit.

Unterwegs in China

Einen Wochentag bekamen all unsere Partner*innen mit ihren Familien freigestellt, um Ausflüge mit uns zu unternehmen, und auch sonst hatte die Schule für reichlich Programm gesorgt. So stand nicht nur eine abendliche Bootsfahrt auf dem beleuchteten Yangtze River auf dem Programm, sondern auch die Besichtigung eines wunderschönen kleinen Dorfes, eines Tempels auf einem Hügel, eines Museums, sowie abendliche Ausflüge in eine chinesische Mall und in eine Karaoke-Bar. Doch Achtung – eine chinesische Karaoke-Bar ist vollkommen anders, als man sich das so vorstellt…

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Gegen Ende unserer Woche an der Schule wurde noch eine Art Sportfest veranstaltet, bei der die verschiedenen Klassen vorbereitete und einstudierte Tänze oder Vorführungen präsentierten; der Schulleiter und eine dazugehörige Jury sollten am Ende entscheiden, wer die beeindruckendste Show abgeliefert hatte. Um Eindruck zu schinden, wurden wir Deutschen umworben, in den verschiedenen Aufführungen mitzuwirken, was darin endete, dass ich mit goldenen Pompoms mit einer mir unbekannte Gruppe von Chinesinnen und Chinesen einen mir unbekannten Tanz aufführen durfte.

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Der Abschied naht

Am letzten gemeinsamen Abend gab es in der Aula der Schule noch zahlreiche Aufführungen von deutscher und chinesischer Seite, wobei die von den chinesischen Schülern und Schülerinnen einstudierten Präsentationen deutlich beeindruckender waren als unsere. An dieser Stelle hielt mein Gastvater auch eine Rede auf Chinesisch. Hinterher wurde mir berichtet, dass er sich darin für den Austausch bedankte und betonte, was für eine wunderbare Zeit er und seine Familie mit mir als Austauschschülerin hatten, was mich doch sehr rührte.

Nach dieser lustigen, ereignisreichen und spannenden Woche wurde es Zeit, uns von unseren Gastfamilien zu verabschieden und die Rundreise durch den Osten Chinas anzutreten. Es war wirklich traurig, mich von Christy zu verabschieden, da sie von allen chinesischen Mädchen und Jungs, die ich in der Zeit kennengerlernt hatte, mit Abstand die fröhlichste, lustigste und offenste Schülerin war. Und auch, wenn ich seitdem nichts mehr von ihr gehört habe, werde ich die Woche mit ihr und ihrer Familie niemals vergessen. Die scheinbar grenzenlose Gastfreundlichkeit, die sie mir entgegenbrachten, war nicht einstudiert, sondern echt, und half mir über so manch unverständliche oder schwierige Situation hinweg.

Ich hoffe, ich konnte auf diese Weise (m)einen Eindruck von China vermitteln und zeigen, dass dort zwar nicht alles wie bekannt abläuft, ich aber mit den Menschen dort so positive Erfahrungen gemacht habe, dass ich nur jeden ermutigen kann, an einem derartigen Austausch teilzunehmen!

Verena empfiehlt:

» Ich persönliche würde es wohl nicht wagen, in Chinas Großstädten Auto zu fahren – doch auch als Fußgänger muss man Vorsicht walten lassen. Oft fahren Mopeds oder Ähnliches kreuz und quer. Trotzdem sollte man beispielsweise beim Überqueren der Straße eine gewisse Selbstsicherheit an den Tag legen, da man sonst wohl niemals zum Zuge kommt.

» Da sich für mich aufgrund der sprachlichen Hindernisse einige komplizierte Situationen ergaben, würde ich empfehlen, sich mindestens einen Kontakt im Handy einzuspeichern, der Chinesisch spricht. Dies kann in manchen, ausweglos scheinenden Momenten helfen!

 

Ist jemand von euch schon einmal in China gewesen? Wie waren eure Erfahrungen mit dem Land und den Leuten? Ich würde mich freuen, wenn ihr mir einen Kommentar mit euren Berichten hinterlasst!

[Reisezeitpunkt: Oktober 2011]

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